Void Vortex

Sammlungsausstellung

16. Mai - 5. Oktober 2025

Mit Void Vortex widmet das Kunstmuseum St.Gallen eine Sammlungsausstellung der Auseinandersetzung mit Leerstellen in der Kunst. Ausgangspunkt ist das gleichnamige Werk des amerikanischen Malers Steven Parrino. In seiner typischen Manier hat Parrino eine Leinwand auf einen Träger gespannt, bemalt und anschliessend gedreht. Eigentümlich an Void Vortex ist die kreisförmige Leerstelle in der Mitte des quadratischen Bildes – eine Absenz, die ebenso Teil des Werks ist wie die bemalte Leinwand. Die Leere wird hier zum Bedeutungsträger, zum Verweis auf das Unsichtbare jenseits des Kunstwerks.

Ausgehend von diesem Konzept versammelt die Ausstellung weitere Werke aus der Sammlung, die mit Leerstellen operieren: Dieter Roths Selbstbildnis als Schwalbe, Roman Signers Sessel mit Loch oder H.R. Frickers Ortstafel Ort der Illusion hinterfragen die Präsenz des Abwesenden. Mona Hatoums Turbulence, ein reflektierendes Murmelfeld, sowie Marisa Fuchs’ poetische Skulptur Nachtkerze-Lotus vertiefen das Spannungsverhältnis zwischen Materialität und Immaterialität. 

Ein besonderer Werkkomplex thematisiert Beinahe-Leerstellen: Karin Sanders Gebrauchsbilder zeichnen zufällige Verschmutzungsspuren auf, die sich an verschiedenen Orten und durch unterschiedliche Menschen akkumulierten – eine zufällige, minimalistische Form der Spurensicherung, die traditionelle Konzepte monochromer und abstrakter Malerei unterwandert. Wolfgang Laibs Milchstein, eine flache Marmorwanne, die mit frischer Milch gefüllt ist, fungiert als opaker Spiegel, der die Imagination der Betrachtenden herausfordert. 

Im langen Korridor, der die beiden Ausstellungsräume verbindet, trifft Mäddel Fuchs’ Installation Gipfelschnee – leere Acrylglaskuben mit Feuchtigkeit geschmolzenen Schnees, kombiniert mit Schwarz-Weiss-Fotografien der Fundstellen – auf zwei Werke, die sich mit dem Moment des Übergangs zwischen Sein und Nichts beschäftigen: Tod von Johanna Niessen-Grosser und Sterbende Valentine Godé Darel von Ferdinand Hodler. Ist der Tod das grosse Nichts – ein endgültiges Verschwinden – oder vielmehr ein Übergang in eine neue Form von dauerhafter, immaterieller Existenz oder Energie? 

Den Abschluss der Ausstellung bildet eine Apotheose der grossen Leere: abstrakte Malereien von Bernard Tagwerker, Joseph Marioni und Jutta Koether werden mit Skulpturen von Magali Reus und Erwin Wurm in einem dichten Raumdialog vereint. 

Im Kontext der Ausstellung wird auch das Konzept der Antimaterie aufgegriffen – jenes mysteriösen Gegenprinzips zur Materie, das in der Physik als Fundament des Universums gilt. Wie ein Schwarzes Loch auf kosmischer Ebene Materie verschlingt und Raumzeit verzerrt, so reflektieren die in Void Vortex versammelten Werke das Paradoxon der Leere als Manifestation von Präsenz und Bedeutung. Die Ausstellung zeigt, dass Abwesenheit in der Kunst nicht nur ein Negativraum ist, sondern ein aktives, aufgeladenes Element, das über das physische Artefakt hinausweist. In dieser essayistischen Annäherung wird die Leere zur Projektionsfläche, zur Reflexionsfolie für die grossen Fragen der Existenz – ein Vortex, der uns in das Unbekannte zieht. 

Impressionen